7.000 km für einen neuen Job

norway-693041_1920Thomas Rohrmann arbeitet seit 30 Jahren im Vertrieb für die Lebensmittelindustrie, sowohl im Außendienst als auch als  Filial- und Bezirksleiter. Doch dann verlängert sein damaliger Arbeitgeber seinen Vertrag nicht mehr.  

100 Bewerbungen schickte er ab, doch er erhielt nur Absagen oder gar keine Rückmeldung. Da entschloss sich der 57-Jährige, 7.000 km durch sieben Länder quer durch Europa zu laufen, um auf sich und seine Situation aufmerksam zu machen. „Mich treibt eher die Wut als die Verzweiflung“, sagt er in einem Interview mit Spiegel Online. Mit seiner Wanderung wollte der Vertriebler nicht nur potentielle Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen, sondern auch eine Diskussion über die Situation älterer Arbeitnehmer starten.

Mittlerweile hat Thomas Rohrmann seine Wanderung beendet. Reinhard Kröger hat ihn im Interview gefragt, wie es weitergegangen ist und ob seine Aktion erfolgreich war.

Warum wollten Sie durch Europa wandern?
Ich wollte potentielle Arbeitgeber auf meine Situation aufmerksam machen und mich so auf Stellen bewerben, die gar nicht veröffentlicht wurden. Ich komme aus dem Vertrieb und dort ist es normal, wenn man sich etwas Außergewöhnliches für die Akquise ausdenkt. Das war eine PR-Aktion in eigener Sache.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie bei der Jobsuche 50Plus?
Viele Personaler und HR Leitungen gehen bei Bewerbungen ab 50 oftmals davon aus, dass hier keine Leistung mehr zu erwarten ist, die Bewerber oft krank werden oder nicht mehr lernfähig sind. Sicherlich finden sie auch den Gehaltswunsch zu hoch, im Gegensatz zu dem von jüngeren Bewerbern. So fallen viele ältere Bewerber durch das Raster und es kommt erst gar kein persönliches Gespräch zustande. Viele Bewerber 50+ fühlen sich durch die vielen Absagen (oder ausbleibenden Antworten) unsicher oder im schlimmsten Fall überflüssig und minderwertig. Aber wie kann man denn beurteilen, ob ein älterer Bewerber nicht doch geeignet ist, wenn man mit ihm noch nicht einmal gesprochen hat?  Ein wenig mehr Offenheit und Neugierde bei den Entscheidern würde ich mir schon wünschen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Ankündigung, dass Sie 7.000 km für einen neuen Job laufen wollen?
Die Reaktionen waren geteilt. Meine Frau hat mich hier von der ersten Sekunde total unterstützt und mir sehr geholfen. Viele meiner Freunde und Bekannten konnten es erst gar nicht fassen, haben den Grund meiner Reise aber verstanden und mein Vorhaben voll unterstützt.

Wie waren die ersten Tage Ihrer Wanderung?
Die ersten Tage gingen schon sehr an´s Eingemachte. Mein Gepäck und Equipment kam erst am nächsten Morgen an und ich musste in einem Taxistand bei minus 5 Grad übernachten. Dann fuhr ich nach Norwegen. Jeden Tag lief ich bis zu 35 Kilometer und schlug abends mein Zelt auf. Als es nicht mehr zu verantworten war, bei dieser Kälte meine Reise wie geplant fortzusetzen, entschied ich mich, nach einigen extrem kalten Nächten nach Deutschland zu fahren und von dort weiter zu machen. In Deutschland musste ich, kurz nachdem ich die Elbe erreicht hatte, abbrechen. Ich hatte starke Knieprobleme, und es war einfach zu kalt! Meine Gesundheit war mir dann wichtiger, da ich ja anschließend auch wieder arbeiten wollte.

Was geschah nach dem Ende der Reise?
Ich brauchte etwa eine Woche, um mit meinem „Scheitern“ fertig zu werden und die zahlreichen Mails von Menschen zu verarbeiten, die alles schon immer gewusst hatten, obwohl sie mich nicht  kannten. Es gab zum Glück jedoch weit mehr positive Mails von Menschen, die es ähnlich sahen wie ich: Lieber etwas wagen und scheitern, als nichts zu wagen und sich nur zu beschweren. Nun hoffe ich, dass mein Knie wieder in Ordnung kommt und ich bald wieder beschwerdefrei Marathon laufen kann ;-).

Bekamen Sie, wie erhofft, Jobangebote?
Es gab sogar schon vor dem Start meiner Tour die ersten Stellenangebote, nachdem der Bericht bei Spiegel Online erschienen war. Es waren super Angebote, genau aus meinem Bereich. Und alle  kamen von den Geschäftsleitungen, das fand ich toll! Die Anfragen habe ich dann unterwegs von meinem Notebook aus beantwortet und gleich meine Bewerbungsunterlagen gesendet. Meine Aktion hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt, da diese Unternehmen sonst gar nicht gewusst hätten, dass ich eine Stelle suche!

Sie hatten jetzt schon einige Vorstellungsgespräche. Wie ist der aktuelle Stand?
Im Moment bin ich mit vier Unternehmen im Gespräch und bei zwei Unternehmen bereits in den Vertragsverhandlungen. Das finde ich sensationell! Bei allen Gesprächen geht es genau um meine Wunschposition. Natürlich hat sich bei mir schon ein Favorit herauskristallisiert. Ich gehe davon aus, dass ich mich den nächsten 14 Tagen entscheiden werde. Dann habe ich endlich wieder eine neue Position, um meine Erfahrungen und meine Motivation gewinnbringend einsetzen zu können.

Welchen Rat würden Sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über 50 geben?
Ich habe unzählige Mails von Menschen bekommen, die in der gleichen Situation sind und teilweise total verzweifelt sind. Für mich persönlich war der Weg an die Öffentlichkeit (nach einigen schweren Bedenken) der einzig machbare Weg – verknüpft mit meiner Wanderung, auf die ich mich wirklich gefreut habe. Der Rat, den ich geben kann, ist sich nicht zu verkriechen und vielleicht einmal ungewöhnliche Wege zu gehen, die zu einem passen und authentisch sind. Dabei erscheint mir inzwischen der klassische Weg, auf Stellenangebote zu antworten, als reine Energie- und Zeitverschwendung. Viele Stellen werden ja gar nicht mehr öffentlich gemacht. Viel sinnvoller ist es, die eigenen Kontakte zu nutzen, Networking zu betreiben und sich initiativ zu bewerben.

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Thomas Rohrmann

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MigrantInnen in Arbeit vermitteln

Wie lassen sich Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund am besten in Arbeit vermitteln?

Diese Frage wird gerade intensiv und kontrovers in allen Medien diskutiert. In meinen Vermittlungsprojekten habe ich schon häufig MigrantInnen in Arbeit vermittelt. Wichtig für eine erfolgreiche Vermittlung sind vor allem vier Punkte:

1. Benutzung einer einfachen Sprache
Egal ob Sie Ihrem Gegenüber die Tätigkeit im Jobangebot genauer erklären, seine Fähigkeiten herausarbeiten oder gemeinsam herausfinden, ob sein Profil  zum Job passt; es sollte in verständlicher und einfacher Sprache passieren.

2. Verwendung eines praktikablen Vermittlungskonzeptes
Dazu gehört ein überschaubares Profiling, eine aussagefähige Zielgruppenermittlung (in welche Jobs, Berufe kann der Teilnehmende vermittelt werden) und geeignetes Job-Marketing. Machen Sie mit dem Jobsuchenden keine lange und theoretische Lebenslaufanalyse und geben Sie ihm nicht Dutzende Seiten, die er ohne Anleitung ausfüllen muss! Arbeiten Sie mit ihm lieber an einem Schritt-für-Schritt-Konzept, an das sich alle MitarbeiterInnen des Vermittlungsteams halten und dass für jeden Schritt sinnvolle und aufeinander aufbauende Übungen enthält. Ein solches einfaches und strukturiertes Vermittlungskonzept finden Sie zum Beispiel in meinem E-Book.

3. Individuelle und ermutigende Betreuung
MigrantInnenen auf Jobsuche brauchen (wie jeder andere auch) eine persönliche Begleitung, die möglichst viel Ermutigung und Motivation beinhaltet. Eine gute Beratung ist nicht auf Defizite, sondern auf Chancen und Möglichkeiten ausgerichtet und lebt von der Authentizität des Beraters. Richard N. Bolles, einer der bekanntesten Experten für Jobcoaching, bringt es auf den Punkt: Am Anfang der Beratung steht der Klient/die Klientin. Ziel ist, dass deine KlientInnen selbständig handeln und sich selbstwirksam erleben. Sie haben mehr Power und Optionen, als sie oft selbst meinen.

4. Hilfestellung von Jobcoaches bei der Herstellung von persönlichem Kontakt zwischen Jobsuchenden und Arbeitgeber
Für die Firmenansprache werden Sie als Scout 🙂 gebraucht!  Es ist von Vorteil, wenn Sie als Jobcoach den Erstkontakt zum potentiellen Arbeitgeber herstellen und den bisherigen Berufsweg Ihres Klienten erklären. So können Sie eventuellen Sprachbarrieren vorbeugen und vorschnelle Urteile über den Jobsuchenden im Erstgespräch vermeiden.

Bei Beachtung dieser 4 Punkte lassen sich beachtliche Vermittlungs-Erfolge erzielen. Ich freue mich auch in diesem Fall über Kommentare, ergänzende Tipps und mehr.

360 Grad Jobsuche

„Internet-Recherche – schön und gut, aber ich finde da nichts“, höre ich immer wieder von Teilnehmenden in Arbeitsmarktprojekten.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Arbeitssuchenden kennen oft nicht alle Jobbörsen und suchen häufig nur nach klassischen Berufsbildern. In diesem Fall kann es helfen, wenn Sie mit der ganzen Gruppe im EDV-Raum unter Anleitung die relevanten Jobbörsen durchsuchen.

Eine einfache Methode, Stellen im nahen Umkreis zu finden, die ihren Teilnehmenden sonst vielleicht nicht aufgefallen wären, möchte ich im Folgenden vorstellen:
Sie suchen in einer 360-Grad-Jobsuche alle Jobs an einem Ort in einer Börse. Ich schlage für diese Aktion die Jobbörse indeed vor. Und so gehen Sie vor:
Tragen Sie bei indeed eine Stadt ein, in unserem Beispiel die Stadt Marl, stellen Sie die Entfernung zuerst auf 0 km. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels waren hier 164 Jobs zu finden. Diese 164 Jobs können Sie in der Gruppe sicherlich ohne zu großen Aufwand durchsuchen und gemeinsam besprechen.
Ihre Teilnehmenden bekommen nun ein Gefühl dafür, was in der jeweiligen Region los ist und welche Arbeitsmöglichkeiten überhaupt vorhanden sind. Natürlich fallen bei der Auswertung eine Reihe Jobs als nicht interessant heraus, weil sie nicht zu den Profilen der Gruppenteilnehmenden passen. Übrig bleiben dann häufig Ergebnisse, die gut brauchbar sind.

Diese Herangehensweise hat den Vorteil, dass die Arbeitssuchenden sich nicht auf einige wenige „Suchbegriffe“ konzentrieren, die sie im Kopf haben, sondern auch für andere Tätigkeiten offen werden. Außerdem bekommen alle Beteiligten eine Übersicht, welche Arbeitgeber in der Region überhaupt Arbeitskräfte suchen.

Der nächste Schritt ist nun die Ansprache von möglichen Arbeitgebern, das Herstellen von Kontakten und ggf. die Vereinbarung von Vorstellungsterminen …
Dazu habe ich einem weiteren Artikel zum Thema „Live-Trainings“ mehr geschrieben.

Was bedeutet gute Arbeit?

Darf man heutzutage eigentlich noch Ansprüche an die Arbeit stellen? Ich denke, ja! Natürlich sind viele erst einmal froh, überhaupt einen Job zu haben. Arbeit kann aber auch krank oder unglücklich machen, wenn sie nicht zu der Person, ihren Fähigkeiten, Werten etc. passt. Doch was macht eigentlich einen guten Job aus?

Die Frage habe ich mir selbst schon häufiger gestellt, und gerade in der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung werden wir ständig mit dieser Fragestellung konfrontiert. Sehen wir uns einmal zwei mögliche Antworten an:

Im „Escape-Manifest“ wird der Redakteur von „Wired“ und Sachbuchautor Dan Pink zitiert, er sieht drei unerlässliche Voraussetzungen für eine erfüllende berufliche Tätigkeit:

  • Autonomie – das eigene Leben selbst gestalten zu können
  • Meisterschaft – immer besser zu werden, in etwas, was uns wichtig ist
  • Sinn – an etwas zu arbeiten, das größer ist als wir selbst

Mihály Csíkszentmihályi, der Psychologe, der den Begriff „Flow!“ geprägt hat, sieht auch drei Komponenten, die einen guten Job ausmachen:

  • objektive Gegebenheiten, also die Rahmenbedingungen des Jobs (Arbeitszeit, Lohn, Teamsituation)
  • den Sinn, den dieser Job für die Kunden oder die Gemeinschaft hat
  • die eigene Einstellung, ob ich den Job als erfüllend ansehe

Diese beiden Ansätze überschneiden sich an einigen Stellen, aber jeder Ansatz bringt auch weitere, neue Aspekte mit ein. Lieber Leser, liebe Leserin dieses Blogs, checken Sie doch mal Ihre persönliche Berufssituation nach diesen Punkten durch:

  • Gibt es in Ihrem Job die Möglichkeit, einen Expertenstatus zu erreichen?
  • Wie sehen die Rahmenbedingungen aus?
  • Macht der Job Sinn?
  • Habe ich (noch) die richtige Einstellung?
  • Wenn Sie Jobcoach und Trainer sind: Vermittle ich meine Klienten so gesehen in „gute Jobs“? (Oder in Einstiegstätigkeiten, aus denen sich gute Jobs entwickeln können?)

Erzählen Sie Ihre Story!

Wie sind Sie dort hingekommen, wo Sie heute sind? Wie sah Ihre persönliche berufliche Reise aus? Vor Bewerbungsgesprächen ist es hilfreich, wenn Sie sich die Geschichte Ihrer beruflichen Reise aufschreiben. Gerade bei nicht gradlinigen Lebensläufen ist diese Übung von hoher Bedeutung.

Doch was macht eine gute Story eigentlich aus? Die wichtigen Elemente einer Geschichte sind:

  • ein Held (also Sie)filmklappe-1078813_640
  • ein Problem
  • ein Gegner
  • die Krise
  • das Happy End

Der Vorteil: Aus Ihren Schwächen können Stärken werden. Bauen Sie in Ihre Geschichte die Überwindung von Problemen (z. B. gesundheitliche Einschränkungen, schwierige Ausgangsverhältnisse, unverhoffte Arbeitslosigkeit…) ein. Ihre Schwächen und Schwierigkeiten werden so durch eine anschließende Problemlösung in Stärken und Erfolge umgewandelt.

Hier die passenden Fragen für “Ihre Story“:

  • Wie war Ihre Ausgangssituation?
  • Wer waren Ihre Gefährten/Unterstützer?
  • Was waren Ihre Widerstände (Gegner)?
  • Warum kam es zur Krise und wie haben Sie sie bewältigt?
  • Was ermöglichte schließlich den Sieg oder den Erfolg?
  • Was haben Sie aus der Geschichte gelernt?

Mit diesen Fragen können Sie, auch wenn Sie ein ungeübter Schreiber sind, innerhalb von 30-45 Minuten „Ihre Story“ aufschreiben – eine Story, die oft originell und überraschend ist. Diese Geschichte lässt sich dann gut in passenden Situationen, wie z.B. einem Bewerbungsgespräch, erzählen.

Mein Tipp: Schreiben Sie in den nächsten Tagen Ihre berufliche Story auf, um sie in einem Gespräch flüssig erzählen zu können.

(nach Eberhard Hauser, Heldenreise)

 

Beispiel: Meine Geschichte

Beispiel: Die Geschichte geht weiter